Seit dem mir Laura die Situation am Pool beschrieben hatte, stellte ich mir in den darauffolgenden Tagen immer wieder die Frage, inwieweit Laura eine Frau war, die gerne provozierte, was mich zwangsläufig zu der Frage nach ihrem sexiest Kleidungsstück brachte.
„Das ist eine gute Frage. Keine Ahnung.“, begann sie innezuhalten und über meine Frage stillschweigend nachzudenken.
„Du hast kein einziges Kleidungsstück mit dem Du Dich sexy fühlst, womit Du, wenn auch nur ein klein wenig provozieren kannst?“, wunderte ich mich über ihre Antwort. Gedankenversunken starrte sie am Bildschirm vorbei. Offenbar schien sie gerade ihren Kleiderschrank durchzugehen.
„Ich habe die ein oder andere Jeans, die etwas figurbetonter ist, doch die passen mir schon eine ganze Weile nicht mehr.“
„Du hast kein Top, keine Shorts, kein Paar Schuhe, nichts, was das Prädikat ABSOLUT SEXY verdienen würde? Schließlich lebst Du auf der Sommer-Sonnen-Insel Mallorca!“, ließ ich sie weiterhin meine Verwunderung spüren.
„Doch. Bestimmt. Kommt darauf an, was Du unter sexy verstehst?“, blickte sie mich auf dem Bildschirm nunmehr regelrecht verzweifelt an. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie hiernach immer ruhiger wurde, dass sie irgendetwas bedrückte.
„Also sexy in meinem Sinne sind zum Beispiel Sachen, die eng anliegen und glänzen.“, begann ich ihr mein Verständnis von Absolut sexy näher zu bringen.
„Also bei Frauen, nicht bei mir.“, schoss ich schnell hinterher, auch, um wieder für etwas mehr Heiterkeit zu sorgen. Entgegen meiner Absicht blieb ihr Gesicht jedoch ernst.
„Das sind zum Beispiel Sachen aus Satin oder Seide.“
Lack, Leder, Latex sowie Stoffe im sogenannten Wetlook gehörten zwar ebenfalls dazu, doch angesichts der Tatsache, dass sie sich gerade derart verhielt, befürchtete ich, dass sie die letzten vier schlichtweg überfordern würden.
„Du wirst lachen aber solche Sachen habe ich früher tatsächlich getragen.“, antwortete sie plötzlich und unerwartet.
„Ich hatte mal eine grüne Satinbluse. Die habe ich geliebt und sehr oft angezogen.“
„Dann wäre ich vermutlich schon damals voll auf Dich abgefahren.“, antwortete ich in der freudigen Gewissheit, dass auch sie einen Faible für diese Art von Kleidung besaß.
„Kann schon sein.“, lächelte sie mich nunmehr wieder über den Bildschirm an.
„Würdest Du auch heute noch solche Sachen tragen?“, ließ ich meine Libido kurzerhand das Gespräch übernehmen.
„Klar. Warum nicht.“, antwortete sie, ohne zu zögern.
„Dann weiß ich jetzt, womit ich Dich von nun an überraschen kann.“, zwinkerte ich ihr zu.
„Sehr gerne.“, erwiderte sie und gab mir einen Kuss durch die Luft.
So sehr ich daraufhin glaubte, ihrer nachdenklichen bisweilen traurigen Stimmung Einhalt geboten zu haben, so sehr schien sie mit der Zeit wieder dorthin zurückzukehren.
„Seit dem ich dieses Thema angesprochen habe, bedrückt Dich etwas.“, ließ ich sie an meiner Einschätzung teilhaben.
„Magst Du darüber reden?“, hinterfragte ich vorsichtig und achtete penibel genau auf ihre Reaktion.
„Mein Ex-Mann war sehr eifersüchtig und hat mir immer wieder vorgeschrieben, was ich anziehen durfte und was nicht.“, antwortete sie nach einer gefühlten Ewigkeit.
„Auch wenn wir schon seit Jahren geschieden sind, steckt das scheinbar noch alles in mir drin.“
„Scheinbar?“, erwiderte ich.
„Tut mir leid.“
„Du kannst ja nichts dafür.“, ging ich verständnisvoll darauf ein.
Stille.
„Ich habe zum Beispiel ein Paar High Heels. Diese hatte ich an einem Abend, als wir in Palma etwas Trinken waren an. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie er auf sie reagiert hat. Danach habe ich sie nie wieder angezogen.“, sprudelten ihre Worte mit einem Mal nur so aus ihr heraus.
„Habt ihr euch dort getroffen oder weshalb sind sie ihm erst dort aufgefallen?“
Mit einem Nicken bestätigte sie mir, dass dem so war.
„Ihr hattet Streit.“, setzte ich eher feststellend denn fragend an.
„Streit? Er hat mir noch in der Bar eine riesengroße Szene gemacht und sich benommen wie ein kleines Kind!“
Stille.
„Was waren denn das für High Heels?“, fragte ich und runzelte dabei die Stirn.
„Keine besonderen. High Heels eben.“
„Hatten sie einen obszönen Beigeschmack oder waren das keine High Heels, sondern verwegene Overknees?“
Kaum hatte ich das ausgesprochen, begann sie herzhaft zu lachen. Wie nach einem starken Sommerregen schienen sich die dunklen Wolken endlich wieder zu verziehen.
„Verstehe mich bitte nicht falsch. Ich möchte mich nicht über Dich lustig machen. Ich versuche nur, seine Reaktion irgendwie zu verstehen.“
„Es waren völlig normale High Heels aus Leder, mit einer Absatzhöhe von vielleicht sieben bis zehn Zentimetern. So genau weiß ich das nicht mehr.“
„Hast Du sie noch?“
„Sie liegen im Schrank.“, sagte sie und beugte ihren Kopf leicht Richtung Ankleidezimmer.
„Es ging auch nicht nur um Kleidung. Seine Eifersucht war grundsätzlicher Natur. Es hat schon gereicht, wenn ich andere Männer nur angeschaut, geschweige denn, wenn ich mich mit ihnen unterhalten habe. Er ist jedes Mal vollkommen ausgeflippt und wurde richtig beleidigend.“
„Hat er Dich auch geschlagen?“
„Soweit ist es zum Glück nie gekommen.“
Stille.
„Scheint, als ob nun eine Zeit gekommen ist, um diese Erfahrungen ein für alle Mal hinter Dich zu lassen.“
Irritiert aber auch neugierig schaute sie mich an.
„Wie meinst Du das?“
Auch wenn ich daraufhin die Absicht verspürte, mich auf diese Frage wohlwollend einzulassen, begann ich zu überlegen, ob ich auf Grund der Erfahrungen mit ihrem Ex-Mann weiterhin über das Thema Mode, geschweige denn Fetisch sprechen sollte. Dass, was ich auf keinen Fall wollte, war, dass ich sie mit diesem Thema überforderte. Und so entschied ich mich dazu, erst einmal über etwas anderes sprechen zu wollen.