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Russisches Roulette /// Misstrauen (1/2)

Um von den Erlebnissen der letzten Tage etwas Abstand zu gewinnen, überlegte ich, wie ich endlich wieder auf andere Gedanken kommen konnte. Das was ich auf keinen Fall wollte, war eine romantische Atmosphäre bei Kerzenschein oder ein tiefgründiges Gespräch bei einem Glas Wein. Das einzige was ich jetzt wollte, war pure Geselligkeit.
Schließlich gab es nur einen, der mir das bieten konnte und dieser jemand hieß Tom.
„Lust auf ein Bier, bei dem ein oder anderen Spiel?“
„Wann?“
„20 h?“
„Ok.“, verabredeten wir uns gewohnt schnell.

In dem Moment, in dem ich mich auf den Weg zum Billardsalon machte, erhielt ich eine weitere SMS. Hatte mir Tom gerade geschrieben, dass er später kam oder im schlimmsten Falle doch nicht konnte? Seine Spontanität in allen Ehren, doch seine Zusagen mündeten all zu oft auch in Absagen, weshalb man nie so genau wusste, woran man bei Tom war.
Als ich auf den Absender schaute, las ich eine mir unbekannte Nummer. Der Absender war demzufolge noch nicht unter meinen Kontakten und schloss ihn im selbem Augenblick aus.
Kaum hatte ich die SMS geöffnet, erkannte ich wer mir geschrieben hatte und blieb vollkommen perplex stehen.
„Hi. Heute Abend schon was vor? Rebecca.“
Rebecca? Die Rebecca? Sie war die einzige Rebecca, die ich kannte und überlegte angestrengt, woher sie meine Nummer hatte.
„Ja.“, antwortete ich voller Mißtrauen. Sofort dachte ich an Ben. Doch weshalb sollte er ihr meine Nummer geben?
„Alleine?“, ertönte ihre neue Nachricht gleich darauf mit einem weiteren Ping.
„Nein.“
„Wie viel seid ihr?“
„Zwei.“
„Kann ich dazukommen?“
„Kannst Du denn Billard spielen?“
„Bestimmt besser als Du. “, las ich prompt.
Dieses Luder, dachte ich und überlegte, ob ich wollte, dass Tom Rebecca kennenlernte.
„Kannst Du.“
In dem Moment, in dem ich die Nachricht abschickte, fiel mir auf, dass Kannst Du sowohl zu der Frage, ob sie dazukommen konnte, als auch zu ihrer Behauptung, dass sie besser spielte, passte.

Mein wiederholter Blick auf das Handy. Dass sie sich seit über einer Stunde nicht mehr gemeldet hatte, bedeutete was? Dass sie es sich in der Zwischenzeit anders überlegt hatte? Weshalb hatte sich Rebecca dann überhaupt gemeldet? Um mich zu testen? Dass sie dort anknüpfen wollte, wo sie beim letzten Mal aufgehört hatte, war damit wohl eher ausgeschlossen.
Als ich wieder auf Tom achtete, verfolgte ich, wie er die schwarze Kugel versenkte und mich daraufhin einmal mehr schadenfroh angrinste.
„Drei zu eins für mich.“
Statt ihm hiernach selbstsicher meine Revanche zu verkünden, holte ich erneut mein Handy hervor und schaute zum wiederholten Male auf das Display.
„Erwartest Du jemanden?“, fragte er mich.
„Jepp.“, stammelte ich und sortierte die Kugeln gedankenversunken ins Dreieck zurück.
„Olivia?“
„Nein. Rebecca.“
„Wer?“
„Rebecca.“
„Who the fuck is Rebecca?“

Dass sie sich nicht mehr meldete, ließ mir keine Ruhe, nahm mein Handy und blickte noch einmal auf unseren Gesprächsverlauf. Vielleicht hatte ich ja etwas übersehen?
Während ich mir noch einmal die Nachrichten durchlas, stellte ich plötzlich fest, dass sie mir längst geantwortet hatte. Weshalb sah ich die ungeöffnete Nachricht hier bei den restlichen aber nicht zuvor auf dem Display?
„Wo und ab wann?“, las ich sodann.
„Sorry aber habe Deine letzte Nachricht erst jetzt gelesen.“, entschuldigte ich mich schnell.
„Spielen schon seit einer knappen Stunde, bleiben aber noch eine Weile.“, schrieb ich hinterher, wobei ich ihr auch die Adresse mitteilte.
„Wie steht’s?“, antwortete sie plötzlich, ohne in irgendeiner Weise Bezug auf meine letzten Worte zu nehmen.
„Liege eins zu drei zurück.“
„Bin in Kürze bei Dir.“
„Hier oder bei mir?“, flunkerte ich sie an.
„Dort, wo Du jetzt bist.“, antwortete sie, womit sie meinem Flirt jegliche Luft zum Atmen nahm. Noch im selben Augenblick bereute ich es, ihr gerade mitgeteilt zu haben, dass ich in Erwägung zog, dass sie die Nacht bei mir verbringen wollte.
Nachdem ich die Nachricht schließlich gesendet hatte, begann eine Zeit, in der ich nur noch mehr auf mein Handy oder Richtung Eingang schaute. Weshalb nur spürte ich diese gewaltige Nervosität?
Ich überlegte erneut, ob ich Rebecca und Tom wirklich miteinander bekannt machen wollte. Skepsis, die sich insofern begründete, als dass ich nicht wollte, dass Tom von dem besonderen Verhältnis zwischen Olivia, Rebecca, Ben und mir erfuhr.
Kurz bevor ich die nächste Kugel spielen wollte, registrierte ich mit einem Mal, wie jemand an unseren Tisch herantrat. Sprunghaft schwenkte ich meinen Blick auf die Person und erkannte, dass mich Rebecca mit einem verschmitzten Lächeln anstarrte. Sofort registrierte ich, dass sie wieder den schwarzen Skaterrock aus Leder trug, woraufhin ich spätestens jetzt wieder mit meinen Gedanken bei unserer Orgie war.
„Lass Dich nicht stören.“, äußerte sie spitzbubig, worauf sie sich zu Tom begab, um sich offenkundig vorzustellen.

Kaum hatte sie Tom wieder den Rücken gekehrt, begann er sie von oben bis unten aufmerksam zu mustern. Tom konnte es einfach nicht lassen, dachte ich, selbst wenn Frauen überhaupt nicht sein Typ waren.
Rebecca hingegen war alles andere als derart an ihm interessiert. Im Gegenteil. In den Momenten, in denen Rebecca unsere Nähe suchte, stand sie einzig und allein bei mir, schaute mich dabei ab und zu an oder berührte mich sogar.
Während sich Tom mit der Zeit immer chauvinistischer gab, herrschte bei Rebecca absolutes Desinteresse und war nunmehr froh, ihr vorhin indirekt den Gedanken mitgeteilt zu haben, dass ich es mir vorstellen konnte, dass sie später mit zu mir kam.
Unterdessen Tom weiterhin um ihre Aufmerksamkeit buhlte, blieb sie ihm gegenüber zwar freundlich doch letzten Endes neutral. Wenn Rebecca in irgendeiner Weise überhaupt mit ihm kommunizierte, dann lediglich im Sinne von: Hey! Aufwachen! Du bist dran!

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