Dunkelheit. Vollkommende Stille. Einzig mein linker Arm bewegte sich immer wieder nach dem gleichen Muster. Was hatte ich mir bei all dem bloß gedacht? Vollkommen verschwitzt saß ich in meinem Bett und starrte ins Leere. Ich schien mich nur langsam von meinem Traum lösen und in die Wirklichkeit zurückkehren zu können.
Warum konnten Träume so verdammt authentisch sein und es jederzeit mit der Realität aufnehmen? Ich zog an meiner Zigarette und atmete tief ein. Steckte in diesen Träumen mehr als in anderen? Mehr Wahrheit oder mehr Lüge und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand. Es kam mir vor, als ob ich noch immer in meinem Traum gefangen war. Erregung und Abscheu und bezog beides auf diesen Traum. Ich hatte diesem Mann auf der Toilette tatsächlich einen geblasen.
Das ich diesbezüglich Abscheu empfand, konnte ich gut verstehen, doch warum verspürte ich auch diese Lust? Dass mich das im Traum Erlebte erregte, lag sicher im Akt selbst, als in dem Vorhaben an sich oder etwa nicht? Worauf bezog ich Erregung und worauf Ekel? Ging das eine womöglich mit dem anderen einher? Mir schien auf einmal keine klare Abgrenzung möglich. Die Antwort für den kommenden Moment unbedeutend und masturbierte erneut. Als ich kurz vor dem nächsten Höhepunkt den vertrauten Piepton hörte, schreckte ich auf. Verärgert ließ ich von mir ab und las die sms.
„Das war ein Test.“
Ein Test? Für mich? Wozu?
„Wozu dieser Test?“, begann ich ihm zu schreiben. Gedankenverloren stand ich auf.
Mondlicht schimmerte durch die Jalousien und verschaffte dem Bett ein abstraktes Muster. Während ich mit meinen Augen dem Muster folgte, begann ich mich zu fragen, warum er nicht antwortete und verbannte das Handy im selben Moment aus meinem Blick. Ich schaute zur Uhr. Kurz vor halb drei. Ich ging zur Wohnungstür und schaute durch den Spion.
Dunkelheit, genau wie in meinem Kopf. In dem Moment in dem ich die Türklinke vorsichtig nach unten drückte, wanderten meine Erinnerungen zu einem Hochhaus am Rande der Stadt.
Einem lang ersehnten Rendezvouz ebenbürtig, hatte ich mich entsprechend vorbereitet und mir mit zitternden Händen durch das Drücken des ein oder anderen Namens auf dem Tableau unerkannt Einlass verschafft. Hatte ich mich gleich darauf in das Kellergeschoss begeben und mich in einem Abstellraum splitterfasernackt ausgezogen. Hatte ich mich, meine Sachen auf den staubigen Kartons leichtfertig zurücklassend, in den Fahrstuhl begeben und mit geschlossenen Augen wahllos so viele Knöpfe gedrückt, wie meine Finger auf dem Relais ertasten konnten. War ich begleitet vom schwachen Licht der Kabine und dem Surren der Motoren vollkommen angespannt durch das Haus gefahren und war nahezu jedes Mal in dem Augenblick, in dem der Lift auf der entsprechenden Etage gehalten hatte bei der Vorstellung, dass mich ausnahmslos jeder der mich entdeckte auf jede noch so erdenkliche Art benutzen konnte, selbst bei der leisesten Berührung unbeschreiblich intensiv gekommen.
Kaum hatte ich die Augen wieder geöffnet, kehrte ich ins Hier und Jetzt zurück. Gedankenversunken spähte ich in den dunklen Hausflur. Ich sehnte mich nach ihm. Danach, dass er mich in diese Dunkelheit zerrte und hemmungslos nahm.
„Weswegen bist Du so nervös?“
„Ich bin nicht nervös!“
„Entschuldige bitte aber Du läufst die ganze Zeit hin und her und schaust immer wieder auf Dein Handy.“
„Ich warte auf eine Nachricht.“
Stille.
„Ach deswegen.“
„Ja, deswegen.“, schoss es aus mir heraus.
„Warum bist Du so gereizt?“
„Ich bin nicht gereizt!“
Jedenfalls noch nicht und schaute ihn böse an.
„Das verstehe ich nicht.“
„Was verstehst Du nicht?“
„Das verstehe ich nicht.
„Was denn!“, schrie ich ihn nahezu an.
Versuchte auch er mich zu testen?
„Wir haben uns seit über eine Wochen nicht gesehen. Statt dass Du Dich freust, erlebe ich Dich gerade dermaßen gereizt, dass ich mich frage, ob ich sie noch alle habe!“
„Und? Hast Du sie noch alle?“
Kurz darauf hörte ich das Leder seiner Jacke. Schritte. Das Öffnen der Tür. Kurz darauf nichts.
Tränen begannen an meinen Wangen herunterzulaufen.